SENDENHORST Was braucht der gemeine Westfale? Offensichtlich hauptsächlich seine Ruhe. Und sechs Nachbarn. Denn mehr benötige man nicht, um einen Sarg zu tragen. Meinen die Bullemänner, die am Freitagabend in der Realschule den Spiegel der Selbsterkenntnis sich und ihren Gästen vorhielten.
Zum Feiern waren sie auf Einladung der RVM und der Provinzial angetreten. Der Anlass: 20 Jahre Nachtbuslinie N 1 Ahlen – Sendenhorst – Albersloh – Münster.
Doch wenn in Westfalen gefeiert wird, dann soll die Stimmung ja eher der einer Beerdigung gleichen. Wird zumindest laut der Bullemänner der hiesigen Bevölkerung nachgesagt. Das mag vielleicht in Suchtdrup so sein, wo die beiden Kabarettisten Augustin Upmann und Heinz Weißenberg ihre „Ochottochott“-Figuren Heini Stertkötter und August Laukämper angesiedelt haben. Aber nicht in Sendenhorst. Da amüsierten sich die Geburtstagsgäste hörbar köstlich. Sie lauschten gespannt, wie die Geschichte von der Suchtdruper Feuerwehr beim Christopher-Street-Day in Osnabrück weiter geht, machten begeistern bei der westfälischen La-ola-Welle mit, die vielversprechend anfängt, aber in einem schlaffen „Goah mi doch weg!“endet. Und sie fieberten bei der „wahren Geschichte“ eines Erdbeerbauern aus Milte mit, der ein paar Jahre Anlauf braucht, um seiner Angebeteten eine westfälische Liebesbezeugung zu geben: einen Blumenstrauß, „bloß nicht zu üppig“ – nämlich aus Raps.
Schräge Vögel
Die Bullemänner sind schräge Vögel, wie Augustin Upmann als „Chicken-Hubert, der „Hühner-Oligarch von Suchtdrup“, mit seiner Hähnchen-Hymne bewies. Manchmal sind die Nummern aber auch so abgedreht, dass man ihnen nur noch nach dem Genuss von reichlich „Artikulationshemmern im Glas“ wirklich folgen kann. Wie hält Svetlana Svoroba, ihre „Tastenfachkraft“ aus der Ukraine, das bloß mit den beiden aus? Schlimmer sind an diesem Abend aber noch die Gäste aus dem Nachbardorf dran, als es im kirchlichen Teil heißt: „Lasst uns zu den Ärmsten der Armen gehen!“. Wohin? „In die Bronx: nach Albersloh.“ Dorthin, wo die Leute bildungsfern, aber glaubensfest seien.
Um ihr begeistertes Publikum nach zweieinhalb Stunden plus Zugabe endlich loszuwerden, bestachen es die Bullemänner mit süßem „Nappo“. Vom Veranstalter gab es noch einen Nachtbus in Schokoladenform obendrauf. Und draußen wartete schon der Bus nach Albersloh, um seine Fahrgäste dorthin zu bringen, wo angeblich außer Maiskultur nichts ist.