Corinna Breer aus Walstedde ist gerade als "Couch-Surferin" in Australien unterwegs. Foto pr
DRENSTEINFURT Einen fremden Menschen in den eigenen vier Wänden übernachten lassen? Selbst in eine Großstadt reisen und bei jemandem schlafen, den man vorher höchstens am Telefon gesprochen hat? Was sich wie ein fragwürdiges Szenario anhört, hält mehr als 300000 Menschen in Deutschland trotzdem nicht davon ab, als Gast oder Gastgeber fremde Menschen aus der ganzen Welt kennenzulernen. Die Internetgemeinschaft „Couch-Surfing“ vermittelt kostenlos Schlafplätze in Privathaushalten in mehr als 230 Ländern.
Eva Olejok, Pastoralassistentin der St. Regina-Gemeinde, ist seit 2010 Mitglied des Netzwerks. Vor ihrem Umzug nach Drensteinfurt hat sie in Dortmund mehrere „Surfer“ beherbergt und ist auch einmal selbst in Berlin auf anderer Leute Sofa zu Gast gewesen. „Einmal habe ich gleich drei Mädels beherbergt, die wegen eines Festivals in der Stadt waren“, erinnert sich die 36-Jährige. Zu dritt hätten die Frauen zwar nicht auf Olejoks Schlafsofa gepasst, konnten sich jedoch mit einer Luftmatratze aushelfen.
Gerade in Dortmund habe sie oft Anfragen für einen Schlafplatz bekommen, wenn Leute am Flughafen auf einen Anschlussflug warteten. Obwohl sich durch das Couch-Surfen viel Geld sparen lässt – gerade bei Städtereisen und in teuren Metropolen –, war für die Pastoralassistentin ein anderer Grund ausschlaggebend für ihre Mitgliedschaft: „Für mich zählt die Mentalität, die dahinter steckt.“ Man könne Gastfreundschaft und andere Städte völlig neu erleben. „Die Leute vor Ort können einem Insider-Tipps zu der Stadt geben, die man in keinem Reiseführer kriegt.“
Vermittlung auf Anfrage
Die eigentliche Vermittlung beschreibt die Seelsorgerin folgendermaßen: Nach einer schriftlichen Anfrage des potentiellen Gastes kann der „Host“ (Gastgeber) ablehnen oder zustimmen. So genannte Referenzen, also Erfahrungsberichte vorheriger Gäste und Gastgeber, helfen bei der Entscheidung. Auch über ein Telefonat könne man Sympathien ausloten und den Gast besser kennenlernen. Zuletzt würden Kontaktdaten ausgetauscht und ein Zeitpunkt für die Anreise vereinbart.
Trotz der Namensgebung muss der eigentliche Schlafplatz nicht zwangsläufig eine Couch sein. Vom Campen im Freien bis hin zu einem eigenen Zimmer in einem Strandappartement hat Corinna Breer aus Walstedde beim Couch-Surfen schon so einiges erlebt. Die 19-jährige Abiturientin ist mit dem Rucksack für ein Jahr in Australien unterwegs. Auch sie hat sich nicht alleine aus finanziellen Gründen für das Couch-Surfen entschieden. „Man erfährt so viel mehr über die Einheimischen und ihre Kultur. Wenn man alleine reist, hat man außerdem immer jemanden, mit dem man seine Erfahrungen und Sorgen teilen kann.“ Die einzigen negativen Erlebnisse der angehenden Lehramtsstudentin bestanden bisher aus verschmutzten Böden und Platzmangel.
Auszeit in Australien
Dass die Gastgeber, so wie es auf der Internetseite proklamiert wird, auch tatsächlich weltoffen sind, weiß Jonas Schoenke aus Drensteinfurt nur zu gut. Auch er gönnt sich nach dem bestandenen Abitur im vergangenen Jahr gerade eine Auszeit in Australien. „In Melbourne habe ich den Host nur angerufen, und er hat mir, ohne mich überhaupt einmal gesehen zu haben, verraten, wo der Haustürschlüssel ist.“
Völlig blauäugig sollte man jedoch trotzdem nicht sein, meint Eva Olejok. Corinna Breer weist außerdem darauf hin, dass es nicht „jedermanns Sache“ ist. „Man darf eben kein Hotel erwarten und muss aufgeschlossen sein für fremde Kulturen. Durch das Couch-Surfing bin ich sehr lustigen und interessanten Menschen begegnet, die ich sonst wahrscheinlich nie getroffen hätte.“