Kein trauriges BuchMittwoch, 03. Januar 2018

Das neue Buch von Annet van der Voort (re.) erz├Ąhlt Geschichten aus dem Johannes-Hospiz. Gesch├Ąftsf├╝hrer Ludger Prinz und Ulrike Spartmann (ÔÇ×B├╝chereckeÔÇť) freuen sich ├╝ber das Werk. Foto Evering

DRENSTEINFURT „Im Moment geht es mir hier sehr gut, ich bin glücklich und zufrieden. An ein Leben nach dem Tod glaube ich fest. Aber wie das aussehen soll, weiß natürlich niemand. Ich lass‘ mich überraschen, wenn es soweit ist.“

Helena Schmidt hatte Krebs und wohnte fast fünf Monate im Johannes-Hospiz in Münster. „Ihr Mann Sascha und ihre Tochter Jana hielten ihre Hände, als ihr Herz zu schlagen aufhörte. Die intime Abschiedszeremonie am nächsten Tag war ergreifend schön und bleibt für alle, die dabei waren, für immer unvergesslich.“ So schildert es Annet van der Voort, die ein Buch über das Leben und Sterben „Im Hospiz“ geschrieben hat.

Die Drensteinfurterin hat keine Berührungsängste, der Tod ist für sie kein Tabuthema. Sterbenden kann sie ohne Scheu gegenübertreten, ihnen vielleicht für ein paar Stunden Ablenkung schenken und schöne Erinnerungen wachrufen. Ihr Buch enthält 25 sehr persönliche und einfühlsame Lebensgeschichten – von Menschen, die bald sterben, von Angehörigen, die mit dem Verlust leben müssen, und von Mitarbeitern, die den Bewohnern die letzten Tage im Leben so schön wie nur eben möglich machen wollen.

Thema "Vergänglichkeit"

Mit dem Thema „Vergänglichkeit“ setzt die Fotografin und Autorin sich in ihren Arbeiten häufig auseinander. Vor etwa 15 Jahren hat van der Voort schon einmal ein Buch herausgebracht, das sich um das Leben und Wirken im Hospiz drehte. Der Anfrage von Ludger Prinz, Geschäftsführer des Johannes-Hospizes in Münster, ob sie ein weiteres Buch über die Einrichtung schreiben wolle, habe sie also sehr gerne entsprochen, erzählt die gebürtige Niederländerin, die auf Haus Steinfurt lebt.

In manchen Fällen sei es ein langer Prozess gewesen, die Menschen dazu zu bringen, sich ihr zu öffnen. „Ich habe dann erst einmal nur von mir erzählt, mich vorgestellt. Es musste ein Vertrauensverhältnis entstehen.“ Je nach körperlicher Verfassung der Bewohner hat van der Voort sich von ihnen in vielen Gesprächen erzählen lassen, worauf sie zurückblicken, was sie noch erwarten, wie es ihnen geht. Das Aufnahmegerät lief immer mit. „Und dann musste es schnell gehen, denn manche von ihnen hatten ja nicht mehr lange zu leben“, so van der Voort. Sie hat das Erzählte abgetippt, in eine Vorab-Form gebracht – und den Bewohnern vorgelesen.

Flasche Ramazzotti

Eine Begebenheit ist der Drensteinfurterin dabei besonders im Kopf – und im Herzen – geblieben. „Es gab dort eine ältere Dame, sie war Rheinländerin, immer offen und fröhlich. Aber sie wollte auch endlich sterben.“ Nachdem die Autorin ihr ihre Geschichte vorgelesen hatte, zauberte die Seniorin eine Flasche Ramazzotti aus dem Kühlschrank hervor: „Und jetzt stoßen wir an auf meinen baldigen Tod!“. Wie unterschiedlich die Menschen mit dem Unausweichlichen umgingen, das habe sie sehr beeindruckt, sagt Annet van der Voort.

Auch Angehörige kommen in ihrem Buch zu Wort. Eine erzählt, wie es den Kampfeswillen ihrer Mutter noch einmal angestachelt habe, die Geburt ihres ersten Enkelkindes unbedingt erleben zu wollen. „Leider hat sie es nicht geschafft.“ Das Foto im Buch zeigt die Tochter mit dem Neugeborenen in einem Strandkorb, den die Mutter ihr einst geschenkt hat. Bilder, die wirken. Geschichten, die nachhallen.

Trotz allem sei es kein trauriges Buch, findet van der Voort. „Es macht nachdenklich. Es fordert dazu auf, sich mit dem Tod auseinander zu setzen, den wir sonst gerne verdrängen. Und es ruft dazu auf, jeden Tag zu genießen.“ Mit einem Augenzwinkern fügt Ludger Prinz hinzu: „Man stirbt nicht eher, wenn man sich mit dem Tod befasst.“

Warme Atmosphäre

Er hat täglich mit der Endlichkeit des Lebens zu tun, ebenso seine mehr als 100 haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in der stationären und ambulanten Betreuung, die das Johannes-Hospiz bietet. Dort herrsche eine besonders warme Atmosphäre, schildert Annet van der Voort ihre Eindrücke. „Es ist hell, alle sind freundlich. Jederzeit bekommt man eine schöne Tasse Kaffee. Natürlich fließen mal Tränen. Aber im Hospiz wird auch viel und laut gelacht.“ Dennoch hätten die zwei Jahre sie intensiv beschäftigt und berührt, schreibt die Autorin im Nachwort: „Bei denen, die gegangen sind, bin ich oft in meinen Gedanken.“

Zur familiären Atmosphäre tragen insbesondere die Mitarbeiter bei – deren Geschichten sich im Buch ebenfalls wiederfinden. Eine Ärztin erzählt, dass sie in den Ferien ihre Kinder oft mitbringt. „Sie wissen, dass sie nicht so laut sein dürfen. Aber sie wissen auch, dass es dort immer sehr leckere Süßigkeiten gibt.“ Den Menschen die Scheu nehmen: ein Ziel, das auch Annet van der Voort mit ihrem Buch erreichen will.

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Beitrag von: Nicole Evering
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